Man kann sich beim Trash-TV vieles vorwerfen lassen, aber eines nicht: dass es einen mit Originalität langweilt. Seit RTL 2004 die erste Dschungelcamp-Staffel verkippte, wiederholt das deutsche Reality-Genre erstaunlich diszipliniert dieselben Erzählmuster. Hier sind die sieben Tropes, ohne die kein Cast vollständig wäre – und an denen man jeden Sender beim Casting beim Kopieren erwischt.
1. Das Mutti-Gen. Jede Staffel braucht eine Person, die unaufgefordert die Wäsche aller anderen sortiert, beim Kochen die Hoheit beansprucht und spätestens am zweiten Abend sagt: „Ich bin hier ja eigentlich für die Jungs wie eine Mama.“ Funktioniert sowohl mit Frauen über 40 als auch mit Männern, die im Alltag nie freiwillig staubsaugen würden.
2. Der Konflikt-Sucher. Meistens schon im Vorab-Interview erkennbar: „Ich nehme kein Blatt vor den Mund.“ Übersetzt heißt das, dass diese Person die nächsten drei Wochen über jeden Kameraschwenk eine offene Rechnung mit jemandem hat. Ohne Konflikt-Sucher gäbe es keine Lagerfeuer-Tränen.
3. Das strategische Paar. Zwei Kandidat:innen, die sich vor Drehbeginn entweder kannten oder in den ersten 48 Stunden ein Bündnis schließen. Sie nominieren synchron, küssen sich vor der Kamera nur kalkuliert und überleben verblüffend oft bis ins Halbfinale. Producer lieben dieses Trope, weil es Drama ohne Drehbuch produziert.
4. Der Heel-Face-Turn. Aus dem Wrestling geliehen: jemand startet als designierter Bösewicht und wird im letzten Drittel zum Publikumsliebling. Funktioniert besonders gut, wenn die Person in Folge fünf weint – am liebsten über die eigene tote Großmutter oder ein vergessenes Geschwisterkind.
5. Das „Ich-bin-doch-nicht-hier-für-Freunde“. Wird in 9 von 10 Staffeln spätestens am Tag vier ausgesprochen, oft von der Person, die danach am lautesten weint, weil niemand mehr mit ihr reden will. Trashticker-Faustregel: Wer den Satz sagt, ist im nächsten Voting raus.
6. Die „So bin ich halt“-Verteidigung. Der Allzweck-Joker für jedes Fehlverhalten von Beleidigung bis Essensdiebstahl. Tritt meistens in Kombination mit gefalteten Armen auf. Untergruppe: das „Ich bin halt eine ehrliche Haut“, das semantisch identisch, aber rhetorisch sanfter ist.
7. Die späte Reue. Im Finale, kurz vor der Stichwahl, kommt der Moment, in dem die Person, die sich drei Wochen lang beleidigend daneben benahm, plötzlich erklärt: „Ich habe hier so viel über mich gelernt.“ Live-Studio-Klatschen, Applausschilder, fertig. Das Format ist gerettet, das Publikum darf sich wieder lieb haben.
Trashticker-Einschätzung: Die Tropes sind nicht das Problem – sie sind das Versprechen. Wer Reality einschaltet, will diese sieben Figuren sehen, genauso wie man im Tatort den Kommissar mit Macke und die rätselhafte Zeugin erwartet. Spannend wird das Spiel erst, wenn ein Cast eine Position doppelt besetzt: zwei Mütter, zwei Heel-Face-Turns – dann knirscht das Format, und genau dann entsteht der Stoff, über den wir hier morgen wieder schreiben.