In diesem WM-Sommer 2026 will jeder Sender ein Stück vom Fußball-Kuchen – und RTLZWEI hatte die vielleicht skurrilste Idee: „Das WM-Orakel mit Paul 2.0“. Seit dem 11. Juni soll eine KI-generierte Krake nach den 16-Uhr-News die Ergebnisse ausgewählter Partien voraussagen. Klingt nach Kult-Reaktivierung – der echte Oktopus Paul war 2010 schließlich ein Weltstar. Nur: Die Neuauflage hält das Versprechen nicht.
Der Start am Donnerstag lief noch ordentlich – 8,4 Prozent Marktanteil in der Zielgruppe, ein für RTLZWEI-Verhältnisse akzeptabler Wert. Doch schon am Freitag rauschte die Reichweite ab, mittwochs kollabierte das Format auf magere 1,3 Prozent bei den 14- bis 49-Jährigen. Ein paar Tausend Zuschauer, mehr blieben nicht. Woran liegt’s? Paul 1.0 war ein echtes Tier, das live aus zwei Futterboxen pickte – unberechenbar, herzig, ein Medienereignis. Paul 2.0 ist ein Avatar, der „Fun Facts“ referiert. Der Zauber des Originals war nie die Trefferquote, sondern dass ein lebendiger Tintenfisch zufällig richtig lag. Eine KI, die Wahrscheinlichkeiten ausspuckt, hat genau diese Magie nicht.
Spannend wird der Kontrast, wenn man auf RTLZWEIs eigentliches Pfund schaut: Reality. „Kampf der Realitystars – Allstars“ läuft unter Arabella Kiesbauer seit April, knackte auf RTL+ die Millionen-Marke bei der Nettoreichweite und stellt im Streaming Rekorde auf. Linear startete die Staffel zwar unter Vorjahr, und sonntags tut sie sich gegen den „Tatort“ schwer – doch während die KI-Krake als Lückenfüller verpufft, zieht die verlässliche Trash-Maschine das Publikum genau dorthin, wo es 2026 zählt: in die App.
Trashticker-Einschätzung: Die Lehre dieses WM-Sommers ist unbequem für die lineare Verwertungslogik. Sender, die dem nächsten Hype mit schnell gebasteltem Gimmick hinterherrennen, ernten Achselzucken. Wer dagegen auf das setzt, was er kann – Drama, Cast, Wiederholungsbesuche bekannter Gesichter –, wird belohnt, zunehmend im Streaming. Paul 2.0 ist kein KI-Skandal, sondern ein Symptom: Aufmerksamkeit lässt sich nicht herbeisimulieren. Manchmal braucht es einfach einen echten Oktopus. Oder, 2026, eine echte Reality-Allstar-Staffel.