Es ist erst ein Jahr her, dass die deutschen Streaming-Charts wie eine RTL+-Hausmitteilung aussahen. Im September 2025 liefen 22 der 25 meistgestreamten Sendungen bei RTL+, ausnahmslos Reality; das „Sommerhaus der Stars“ holte mit seiner Auftaktfolge über 3,3 Millionen Views und blockierte die ersten vier Plätze. Im Oktober waren es 20 von 25. Rund 80 Prozent der Liste: Kuppeln, Zoffen, Nominieren.
Und heute? In der jüngsten AGF-Nettoreichweiten-Auswertung führt „Reacher“ mit 1,574 Millionen Abrufen, auf Platz 5 sitzt „Two and a Half Men“ mit 0,999 Millionen – eine Sitcom, die älter ist als das halbe Reality-Personal. Das „Sommerhaus“ kommt auf Platz 4 (1,079 Mio.), „Die Verräter“ auf 6 (0,997 Mio.), „Are You The One“ auf 8 (0,847 Mio.), „Ex on the Beach“ auf 9 (0,810 Mio.).
Der Bruch hat wenig mit Geschmackswandel zu tun und viel mit Buchführung. In die AGF-Hitlisten fließen nur Anbieter ein, die sich messen lassen – und das waren lange fast nur die Mediatheken der deutschen Privatsender. Seit November 2025 ist das werbefinanzierte Prime-Video-Modell dabei, und damit kippte die Liste innerhalb weniger Monate. Netflix und Disney+ fehlen weiter komplett. Dazu kommt: Die alten Monatslisten zählten technische Videostarts („Views“), die Wochenauswertung zählt Menschen pro Programmmarke. Wer beide Zahlen nebeneinanderlegt, vergleicht zwei verschiedene Währungen.
Interessant ist, was unter der neuen Konkurrenz übrig bleibt. Amazons Top-Platzierungen sind eine US-Actionserie und eine amerikanische Sitcom aus dem Archiv. RTL+ dagegen steht mit vier eigenen Formaten in den Top 9 – und verkauft Folge 1 des „Sommerhauses“ zwei Wochen vor dem linearen Start als Streaming-Zugpferd. Joyn hängt mit „Villa der Versuchung“ (0,627 Mio., in der Vorwoche noch 0,720), „Dschungel Divas“ (0,320) und „Good Luck Guys“ (0,298) deutlich hinterher.
Trashticker-Einschätzung: Die Reality-Dominanz war zum Teil ein Messartefakt – die Reality-Relevanz ist keines. RTL+ hat das Monopol auf die Liste verloren, nicht die Zugkraft. Bemerkenswert bleibt, dass Reality nach wie vor das einzige Genre ist, in dem ein deutscher Anbieter verlässlich eigene Hits baut, statt sie einzukaufen. Wenn irgendwann auch Netflix mitzählt, wird die Liste noch einmal unbequemer. Am Befund ändert das nichts: Das Sommerhaus schlägt in Deutschland zuverlässiger ein als jede Millionen-Serie.