Heute Abend, 20:15 Uhr, RTLZWEI: „Hartz und herzlich – Tag für Tag Rostock“, Folgentitel „Würzfleisch und neue Zähne“. Das klingt nicht nach großem Reality-Kino – und genau das ist der Punkt. Der Rest der Primetime gehört heute den Ermittlern: RTL schickt seinen Bamberg-Krimi ins Rennen, Sat.1 jagt mit „Hunting Party“ Serienkiller. Wer lineares Reality-TV sucht, landet fast zwangsläufig bei den Blocks in Groß Klein.
Und das ist kein Betriebsunfall, sondern System. Seit 2016 läuft „Hartz und herzlich“, gestartet in den Mannheimer Benz-Baracken, inzwischen ein ganzer Städte-Kosmos: Rostock läuft seit dem 28. Juli mit frischen Folgen, im Februar kam mit Hamburg-Veddel ein neuer Standort dazu. Zehn Jahre am Stück – das schafft im deutschen Reality-TV sonst kaum ein Format ohne Promi-Faktor. Die Branchen-Logik dahinter ist bestechend simpel: keine sechsstelligen Promi-Gagen, keine Casting-Schlachten, kein Skandal-Risiko wie bei Allstars-Formaten. Dafür ein loyales Stammpublikum, das auch dann einschaltet, wenn RTL und Sat.1 ihre großen Reality-Kaliber fürs Herbstprogramm horten. Im Sommerloch ist die Sozialdoku für RTLZWEI Grundrauschen und Markenkern zugleich.
Natürlich bleibt die alte Debatte: Kritiker sehen im Format Armutsvoyeurismus mit Werbepausen, Verteidiger eine der wenigen Langzeitbeobachtungen von Menschen, die sonst im Fernsehen schlicht nicht vorkommen. Die Wahrheit liegt – wie so oft im Trash-Kosmos – unbequem in der Mitte: Das Format lebt von der Nähe zu seinen Protagonisten, und genau diese Nähe ist Geschäftsmodell.
Trashticker-Einschätzung: Während Allstars-Formate um jede Schlagzeile kämpfen, liefert „Hartz und herzlich“ seit einem Jahrzehnt einfach ab – leise, günstig, verlässlich. Es ist das Gegenteil von Event-Reality und gerade deshalb ihr stabiles Fundament: Ohne den Dauerbrenner könnte sich RTLZWEI die lauten Experimente gar nicht leisten. Der heimliche MVP des Genres steht nicht in der Sala, er sitzt in Rostock beim Würzfleisch.