Es klang nach Randnotiz im Sonntagsrauschen: Joyn hat den Starttermin für die zweite Staffel von „The Power – Wer hat die Macht?“ bekanntgegeben. Ab Dienstag, 20. Oktober, liegen 50 neue Folgen bereit, gedreht in Thailand, Spielleiterin Delta zieht wieder die Fäden, am Ende warten 40.000 Euro. Und mittendrin steht der Halbsatz, der mehr über den deutschen Reality-Markt verrät als jede Cast-Verkündung: kostenlos verfügbar.
Gratis ist die Strategie, nicht das Kleingedruckte
RTL+ und Joyn spielen längst nicht mehr dasselbe Spiel. RTL+ verkauft Abos und braucht dafür Formate, die man nur dort sehen kann – Exklusivität ist das Produkt. Joyn dreht die Logik um: Reality läuft gratis im Stream, und das lineare Schwesterprogramm liefert die Verstärkung nach. „The Power“ läuft parallel dienstags und mittwochs um 22:30 Uhr auf ProSieben. Das ist das Muster des ganzen Joyn-Herbstes: „Beauty & the Nerd“ donnerstags um 20:15 Uhr, dazu die Amazonas-Expedition zu den Shanenawa, seit dem 8. September streambar und am selben Abend spät auf ProSieben.
Vor diesem Hintergrund sind die 40.000 Euro fast ein Statement. Für 50 Folgen mit Auslandsdreh ist das keine Summe, mit der man Schlagzeilen kauft – RTL ruft für seine großen Marken locker das Mehrfache auf. Gespielt wird hier erkennbar um etwas anderes: um Sichtbarkeit für Reality-Profis, die den Zirkus ohnehin kennen. Staffel eins setzte auf Namen wie Matthias Mangiapane und Cosimo Citiolo, unterschied sich vom Villen-Standard aber durch echtes Gameplay – ein geheimer Power Player, den die Mitbewohner enttarnen müssen. Die Vorlage stammt aus Frankreich.
Lieber die eigene Bühne als die fremde
Wie konsequent Joyn den Alleingang fährt, zeigte sich schon im Frühjahr: Als RTL im April in Bonn die zweiten Reality Awards feierte – mit RTL Zwei, Prime Video, Paramount+ und Sport1 an Bord –, fehlten unter den „großen Playern des Genres“ ausgerechnet Joyn und Netflix. Statt sich auf einer RTL-Gala nominieren zu lassen, startete Joyn Ende August lieber ein eigenes wöchentliches Reality-Magazin: „Trash Table“, gemeinsam mit BILD. Pikant daran: BILD ist zugleich Medienpartner der RTL-Awards und stellte dort die Jury-Vorsitzende.
Trashticker-Einschätzung: Joyn bietet beim Preisgeld nicht mit, weil Joyn ein anderes Ziel hat. RTL+ muss Abos verteidigen, Joyn muss Gewohnheit erzeugen – und nichts erzeugt Gewohnheit so zuverlässig wie „kostet nichts, läuft eh“. Der Preis dafür ist Prestige: Wer bei den Genre-Awards nicht antritt, steht in keiner Bestenliste. Wer sich mit BILD sein eigenes Nachrichtenformat baut, braucht die fremde Bühne aber auch nicht. Reality-Deutschland hat 2026 keinen Markt mehr, sondern zwei Betriebssysteme – die bewusst nicht miteinander reden.