Heute Abend geht die vielleicht ungewöhnlichste deutsche Reality-Produktion des Jahres an den Start – und zwar zweimal. Bei Joyn liegt „Surviving Amazonas – Die Prüfung der Shanenawa“ ab sofort kostenlos im Stream, im linearen Fernsehen läuft die Abenteuer-Doku aus dem Hause filmpool entertainment erst um 22:35 Uhr auf ProSieben, dann aber gleich als Doppelfolge. Wer auf die Uhr schaut und ein Misstrauensvotum vermutet, liest den Sendeplatz falsch.
Zum Format: Acht Prominente ziehen für zehn Tage zu den Shanenawa in den brasilianischen Regenwald – nicht in ein gebautes Camp mit Kamerakran, sondern in den Alltag einer indigenen Gemeinschaft. Mit dabei sind Extremsportler Joey Kelly, Dschungelkönigin Lilly Becker, Reality-Star Antonia Hemmer, Comedienne Parshad, Fitness-Influencer Willi Whey, Gina Ruhl, Weltenbummler Lézan und Creatorin How2Shirli. Am Ende steht kein Preisgeld-Scheck, sondern ein indigener Name und die Aufnahme als lebenslanges Mitglied des Stammes. Das ist, zumindest auf dem Papier, das Gegenteil des Dschungelcamp-Prinzips.
Und hier wird der Sendeplatz logisch. Zum Ritualprogramm gehören Kambo – das Sekret des Riesenaffenfrosches, das körperliche Reinigung auslöst – und Ayahuasca, der traditionelle Pflanzensud, der zu tiefen Bewusstseinszuständen führt. Solche Bilder in die 20:15-Uhr-Familienschiene zu legen, wäre jugendschutzrechtlich und werblich ein Eiertanz. 22:35 Uhr ist der Platz, an dem P7S1 seit „The Hunt“ seine härteren Survival-Formate parkt: spät genug für Freiheit, früh genug für messbare Quote.
Dazu kommt die Doppelverwertung, die ProSiebenSat.1 inzwischen routiniert fährt. Joyn bekommt den Vorlauf und die Bindung, ProSieben die Reichweite und den Werbeblock – dasselbe Muster wie bei „Beauty & the Nerd“ oder „Villa der Versuchung“. Der Stream ist dabei nicht die Resterampe, sondern das Schaufenster.
Trashticker-Einschätzung: „Surviving Amazonas“ ist der ambitionierteste Versuch seit Langem, Reality und Ethno-Doku zu kreuzen – und genau da liegt das Risiko. Gelingt es, die Shanenawa als handelnde Gemeinschaft und nicht als Kulisse für Promi-Selbstfindung zu zeigen, hat ProSieben ein Format mit echter Halbwertszeit. Kippt es ins Exotik-Spektakel, bleibt eine teure Variante von „Ich bin ein Star“ mit besserem Kamerabild. Die ersten beiden Folgen heute Abend sollten das schon verraten.